Sehr geehrter Herr Bundesratspräsident Jürgen Weiss,
Sehr geehrte Herren Bundesräte,
Sehr geehrter Herr Direktor des Bundesrates,
Sehr geehrte Frau Botschafterin,
Sehr geehrter Herr Gesandter,
Sehr geehrte Ratskolleginnen und Ratskollegen

Es ist mir eine grosse Ehre und Freude, Sie heute in Bern zu begrüssen und gleichzeitig eine hochwillkommene Gelegenheit die gutnachbarschaftlichen Banden zwischen unseren Ländern damit zu stärken.

Vieles wäre zum Verhältnis unserer beiden Länder anzumerken. Lassen Sie mich mit einer Anekdote beginnen.
Friedrich Dürrenmatt griff auf die Frage eines österreichischen Journalisten nach seinen frühsten Erinnerungen an Österreich auf eine frühkindliche Episode zurück. Demnach sei er, der kleine Fritz, eines tags mit einer Bohnenstange und einem Pfannendeckel als Schild bewaffnet fast atemlos zu seiner Mutter in die Küche gerannt und habe triumphierend gerufen, er habe gerade die Österreicher aus dem Garten verjagt.

Zweifellos haben die Lektüre der in den Geschichtsbüchern zu Beginn des Jahrhunderts oft blumig ausgeschmückten Heldentaten der Eidgenossen bei Morgarten, Sempach oder Näfels im nachmaligen Dichter einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Im späteren Verlauf des genannten Interviews fügte Dürrenmatt hinzu, ich zitiere:
„Mich hat Österreich politisch immer sehr interessiert, und zwar weil es ganz eine andere Geschichte hat als die Schweiz. Österreich ist im Grossen etwas gelungen, was sehr selten ist: der Vielvölkerstaat. In der Schweiz ist es im Kleinen gelungen: Die Schweiz ist eine Verbindung von französisch und italienisch Sprechenden, Rätoromanen sowie Deutschschweizern.“
(Ende Zitat)

Dürrenmatt benennt damit eine Konstante in der Beziehung der beiden Nachbarländer. Um den berühmten Titel des Hauptwerkes von Robert Musil abzuwandeln sind Österreich und die Schweiz beides Länder mit vielen Eigenschaften, die trotz unterschiedlichen Voraussetzungen und historischen Entwicklungen Verbindendes auf ihre unverwechselbare Art realisiert haben.
So teilen unsere beiden Völker etwa die christlich abendländischen Werte, die Institutionen einer pluralistischen Demokratie, den föderalistische Aufbau des (Klein)Staates, die in der Verfassung verankerte Neutralität, die marktwirtschaftlichen Grundlagen, die Binnen-Verankerung innerhalb Europas und natürlich nicht zu Letzt auch ein Stück – und dies ist im wortwörtlichen Sinne zu verstehen - herausragender Geographie: die Alpen.

Unterschiede sind sehr wohl auszumachen, wobei sie keineswegs als rein trennend zu begreifen sind, sondern eher eine andere Gewichtung und Ausrichtung widerspiegeln. So weist Österreichs historische Brückenfunktion eher nach Osten, die Schweiz besitzt dagegen eine Mittlerfunktion zwischen dem deutschen und dem romanischen Kulturraum Europas. Nach dem Fall des eisernen Vorhanges und dem Ende des West-Ost-Konfliktes hat unser östliches Nachbarland die Einbindung in die europäische Union zügig angestrebt. Die Schweiz setzt in dieser Beziehung, wie sie wissen, gegenwärtig auf bilaterale Abkommen mit der Europäischen Union.

All diese unterschiedlichen Ausformungen mögen jedoch nicht zu verhindern, dass beidseitig der Landesgrenzen grosse Sympathien füreinander gehegt werden, nachgerade eine Wesensverwandtschaft empfunden wird. Ich glaube feststellen zu dürfen, dass wir uns näher stehen als viele andere Länder in Europa und ein gegenseitiges Wohlwollen vorherrscht.

Österreich und die Schweiz haben, dies darf man wohl mit Fug und Recht behaupten, ein Vertrauensverhältnis zueinander geschaffen, das nicht so leicht zu trüben ist. Achtung und Respekt voreinander sind selbstverständlich. Ferner wissen beide Staaten, dass sie vor praktisch identischen Herausforderungen in einer zunehmend globaler agierenden Welt stehen, was jedoch einen verlässlichen und gleich gesinnten Nachbarstaat nur noch wichtiger macht.

Symbolisch für den Willen Gemeinsames zu unternehmen und eine Partnerschaft zu bilden soll hier nebst Anderem die vereint konzipierte, erfolgreich errungene und im Jahre 2008 zur Durchführung gelangende Fussball-Europameisterschaft zur Sprache kommen. Der Ball wird dadurch ganz gewiss zwischen Wien und Bern, auch auf der politischen Ebenen, noch häufiger ins Rollen kommen. Zweifellos wird dieser sportliche Grossanlass ferner auch einen festlichen Rahmen um die schweizerisch-österreichische Freundschaft ziehen.

Ich erhebe nun auf eben diese österreichisch-schweizerische Freundschaft, die wir uns weiterhin offen und intensiv wünschen das Glas.