Ot stimadas damas, otstimats signurs,
Que es per mai üna grond’onur ed ün plaschair da pudair arver la sessiun qua a Flem/Flims.
Die diesjährigen Herbstsession ist die 648-igste der Eidgenössischen Räte seit 1848. Die 582-igste fand in Genf, die 620-igste in Lugano statt. Mit der Session in Flims schließt sich der Kreis der Sessionen des Parlaments außerhalb von Bern, was allein schon ein aussergewöhnliches Ereignis ist. Nach dem „Schnuppern“ an der großen weiten Welt in Genf, dem Abstecher in die Südschweiz mit den Grenzen überschreitenden Aktivitäten sind wir beim dritten Abstecher aus Bern in einem für das schweizerische Selbstverständnis symbolischen Gebiet zu Gast. In Graubünden, dieser Schweiz en miniature, haben, lange bevor die Schweiz gegründet wurde, drei Sprach- und Kulturgemeinschaften und zwei christliche Konfessionen in wechselhaft spannungsgeladener und seit mindestens dreieinhalb Jahrhunderten friedvoller Koexistenz zusammengelebt. Hier hat sich die eigenständige Sprachgemeinschaft der Rätoromanen, die einst die ganze Rätia Prima umfasste und vom Alpenkamm bis ins süddeutsche Gebiet hinein, vom Friaul bis ins zürcherische Pfyn (= ad fines) reichte, erhalten können. Der über Jahrhunderte sich hinziehende Territorialverlust geht einher mit einem Substanzverlust, der in der heutigen Zeit die einzige eigenständige schweizerische Sprachgemeinschaft im Innersten bedroht. Denn es ist eine Tatsache, dass insbesondere die Bündner Sprachlandschaft sich zunehmend auf Kosten der romanischen Sprache verändert. Flims ist in dieser Hinsicht ein durchaus realistisch gewählter Ort, das romanische Wort FLEM ist kaum noch zu sehen, Flims ist ein Ort an der Grenze, da, wo eine grundsätzlich zu begrüßende touristische Entwicklung eine florierende wirtschaftliche Existenzgrundlage geschaffen hat. Diese bedroht jedoch alte Werte wie denjenigen einer autochthonen Sprache und die kulturelle Identität. Wir können deshalb hier in Flims nicht nur das Loblied auf die viel besungene Viersprachigkeit feiern. Das können und wollen wir auch. Es wird uns Gelegenheit geboten werden, uns über die Lebendigkeit und den kulturellen Reichtum der Rätoromania ein Bild zu machen. Gerade die sprachliche und kulturelle Grenzgemeinde Flims zeigt aber auf realistische Weise - und jenseits der manchmal exotisch anmutenden Folklorisierung - die Mannigfaltigkeit der Probleme, die sich bei der Erhaltung von Werten wie der Sprachenvielfalt und der kulturellen Brückenschläge stellen. Zwei Grund legende Faktoren werden bestimmend sein für die Zukunft des Romanischen: Zum einen der Wille der betroffenen Bevölkerung - und damit meine ich sowohl die Alteingesessenen wie auch diejenigen, die im romanischen Gebiet ihre neue Heimat finden - zu diesem Erbe zu stehen und es erhalten zu wollen. Zum andern bedarf diese auf sich selbst gestellte Sprache, die nicht auf eine Kulturnation zurückgreifen kann, der tatkräftigen Unterstützung durch uns Miteidgenossinnen und Miteidgenossen. Dass die Romanen dabei auf eine große Sympathie zählen können, macht ihre Forderungen – wenn sie in Franken und Rappen bilanziert werden müssen - nicht immer einfacher. Das neu eingerichtete Medienhaus in Chur ist eines der positiven Beispiele. Insgesamt müssen aber die Aufwendungen des Bundes für die Belange der romanischen Sprache und Kultur eher unter die „unbedeutenden Aufwendungen“ subsumieren werden.
Nicht weit von Flims, im urromanischen Gebiet, steht auf dem Dorfplatz zu Trun ein Ahorn, unter dem der Graue Bund gegründet und weitere für die Region wichtige politische Entscheide gefällt wurden. Als dieser Ahorn vor Jahren starb, kam es zu einem Nationaltrauertag. Ein neuer Ahorn wurde gepflanzt und dieser führt die Tradition fort, die im romanischen Lied „A Trun sut igl ischi“ besungen wird. Dieselbe Achtung, Pflege und Förderung, wie sie im symbolhaften Freiheitsbaum zum Ausdruck kommt, verdient auch die in ihrer Existenz bedrohte und doch so lebendige vierte Landessprache.
Il diritto fondamentale a un’identità personale e collettiva foggiata dalla lingua e dalla cultura dev’essere garantito dallo Stato. Com’è logico, le competenze in questo campo spettano in linea di principio ai Cantoni: la Confederazione interviene solo a titolo sussidiario e a fini di coordinamento. L’accettazione degli articoli costituzionali sulla formazione ha comportato in quest’ambito un assestamento nella ripartizione delle competenze, senza tuttavia intaccare il principio della sovranità cantonale. Anche la legge sulle lingue, di cui dovremo dibattere, s’iscrive in questa collaudata tradizione, eccezion fatta per un aspetto, peraltro di rilievo. La Confederazione è infatti chiamata in causa in modo particolare quando si tratta di proteggere le lingue nazionali – e quindi in primo luogo il romancio – poiché con la scomparsa di una di queste verrebbe meno anche una delle caratteristiche essenziali del nostro Paese, il quadrilinguismo.
Il fatto che nel movimentato 1938 il romancio fu dichiarato lingua nazionale dalla schiacciante maggioranza della sola popolazione svizzera di sesso maschile non va letto unicamente come una dichiarazione di lealtà nei confronti della comunità linguistica meno numerosa, ma anche come professione di una chiara scelta politica a favore di uno Stato federale fondato sul plurilinguismo e sul pluriculturalismo. In questo senso, il romancio è anche una sorta di campanello d’allarme: i problemi che affliggono i più deboli possono infatti estendersi anche ai più forti. Negli ultimi anni abbiamo nuovamente dovuto constatare come la lingua e la cultura possano essere strumentalizzate a fini nazionalistici. Il nostro Paese ha saputo contrastare con successo queste derive, sottraendo alla demagogia politica la componente identitaria elementare rappresentata dalla lingua. La Svizzera è infatti uno dei pochi Stati multinazionali sopravvissuti all’euforia e alla tragedia delle ideologie basate sullo Stato nazione. Benché talvolta dileggiato quale retaggio medievale di una società multietnica, l’esempio di uno Stato in cui si dia per scontata una pluralità di lingue e di etnie evoca nei nostri vicini europei una dimensione più visionaria che antica.
Meine Damen und Herren, wenn wir in den nächsten Wochen hier in Flims manchmal die Blicke von den Aktenbergen zum Himmel erheben, wird uns der Flimser Stein daran erinnern, dass uns der innere Zusammenhalt der Schweiz nicht in den Schoss fällt. Der Flimser Stein erinnert mit seiner grausamen Legende aus vorgeschichtlicher Zeit an die Existenzkämpfe und Fehden der Alpenbewohner, als Glarner und Flimser um Weide- und Alprechte kämpften. Auf ihrem Raubzug auf der Alp warfen die Glarner die Bündner Sennen in die siedende Milch und machten sich mit Vieh und Habe auf die Rückwanderung. Der eine Senn, der sich vor den Räubern hatte retten können, verausgabte sich bei der Alarmierung der Flimser derart, dass sein Blut den Flimser Stein herunter floss und heute noch zu sehen ist. Ihm war es zu verdanken, dass das gestohlene Gut schließlich wieder gerettet werden konnte. Damit konnte die Zeit der kleinlichen Fehden durch gegenseitige Achtung und Kooperation abgelöst werden. Die Legende möge uns daran erinnern, dass Eintracht als Ziel nur prozesshaft Schritt um Schritt zu erreichen ist, und dass diese Schritte nicht immer geradlinig vorwärts gerichtet sind.
Sollen wir uns freuen, dass wir 10 Jahre nach der Annahme des Sprachenartikels und 14 Jahre nach der EWR-Abstimmung endlich ein Gesetz zu den Landessprachen behandeln werden? Nach dem EWR-Nein war ein Aufschrei durch die Schweiz gegangen, der sich zu einem seither geläufigen politischen Schlagwort, der Cohésion nationale, verdichtet hat. Der Ruf nach einem Tatbeweis für diese Cohésion nationale führte bei der Umsetzung des Sprachenartikels zu zähen und harten Verhandlungen, bei denen alle Player – Bund, Kantone, Bildungs- und Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Organisationen - um einen Konsens rangen, der jetzt vorliegt. Diese Session in Graubünden wird, so hoffe ich, bei der Behandlung dieses Gesetzes in der Wintersession nachwirken. Das Parlament wird sich, in Erinnerung an die herrlichen Berglandschaft, daran machen, dieses Projekt entschlossen und ernsthaft zu behandeln. Um Elementares geht es auch bei einem zweiten Projekt. Es lässt sich trefflich darüber streiten, was zuerst kommt, das Fressen oder die Moral. Tatsache ist, dass es für unser Land von Bedeutung ist, wie wir das Verhältnis und den Ausgleich zwischen Zentren und der Peripherie regeln. Das Projekt einer neuen Regionalpolitik ist ein anderer wichtiger Pfeiler, der auf Bundesebene geregelt werden muss und den das Parlament hier in Flims an die Hand nehmen wird.
Zum Beginn unserer Session abschließend noch ein Link zu unserem nobeln und touristischen Umfeld: Der Direktor hat den aufwändigen Umbau seines Hotels so kommentiert: „Hier prallen (architektonisch) zwei Welten aufeinander, die eigenständig sind und doch miteinander harmonieren.“ Ich wünsche mir, dass wir diese Herausforderung aufnehmen. Unsere politische Arbeit wird landläufig als behäbig empfunden. Das würde zum Jugendstil passen, der uns umgibt. Aber der Jugendstil ist hier ergänzt durch viel Moderne, etwa den Glaskubus. Diese Umgebung inspiriert und erinnert uns daran, dass wir als Parlament den großen Anforderungen und Erwartungen gerecht werden müssen, welche die Öffentlichkeit an uns hat. Politisieren wir effizient und transparent, nicht ohne bei unseren Debatten die Tiefe zu vernachlässigen.
Für einmal darf übrigens der Ständerat endlich einmal die Rolle der höchsten Kammer übernehmen, tagt er doch 10 Meter über dem Nationalrat. Das werden wir Nationalrätinnen und Nationalräte überleben! Es hat auch nichts Entwürdigendes an sich, wenn der Nationalrat seine Sitzungen in einer Tennishalle abhält. Erinnern wir und daran, dass die französische Revolution am 20. Juni 1789 mit einer Sitzung der Etats-Généraux in einem Saal des Jeu de paume begann, weil der König ihnen den Zugang zur Salle des Menus-Plaisirs verwehrt hatte.
Ich wünsche Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, und vor allem der Schweizer Bevölkerung, dass diese einmalige Session zu guten Ergebnissen führt.
Cun quists pleds arvel jau la sessiun d’atun a Flem.
Claude Janiak
Nationalratspräsident