Es gilt das gesprochene Wort!

 
 
Ein „Netzwerker von Rand der Schweiz“, „Eigenständig und offen“, „Vom Lehrer via Journalismus zum Politiker“ oder – in Anspielung auf die Randenböden „Der Trockene“. So oder ähnlich sehen die Schlagzeilen meiner Portraits in den Schweizer Medien aus. Eine ehemalige Redaktionskollegin hält in der Schaffhauser AZ, dem Pendant zur bürgerlichen Tageszeitung, folgende Schlagzeilen über mich für möglich: «Der Mann ohne Gegenstimme» zum Beispiel. Oder: «Kleinbauernsohn aus dem Durachtal trifft Lula da Silva», «Ehemaliger Gemeindepräsident von Opfertshofen auf Augenhöhe mit deutschem Bundesratspräsidenten», «Besser vernetzt als Blocher – ganz ohne Wadenbeissen». Na ja, ob das nicht doch etwas übertrieben ist, das mit der Vernetzung zumindest? Und schliesslich noch: «Ein netter Rechter, der gerne mal nach links ausbricht». Letzteres kann sich selbstverständlich nur auf den Fussball beziehen.
Fussball war schon als kleiner Junge meine grosse Leidenschaft. Vorbilder waren Bobby Charlton, Pelé oder Eusebio, Helmut Haller oder Torwartlegende Dino Zoff. So kam ich früh zu den Junioren des FC Schaffhausen. Mit grosser Spannung fuhr ich gegen Ende der Woche jeweils mit dem Velo nach Schaffhausen, um im offiziellen Anschlagkasten im damaligen Landhaus das Spielaufgebot zu erfahren. Tempi passati, wo heute per Internet und Mobile Phone doch alles viel einfacher ist.
Statt Profifussballer in Italien oder England, bin ich Lehrer geworden – und später Journalist und Redaktor bei den „Schaffhauser Nachrichten“. Unsere Zeitung scheint sich als Sprungbrett nach Bern geradezu anzubieten, bin ich doch nicht der erste Ständeratspräsident, dessen politische Karriere dort begonnen hat. Die Verlockung ist aber auch gross, nicht nur über Politik zu berichten und sie zu kommentieren, sondern sie selbst zu machen. Politik und Fussball haben durchaus Gemeinsamkeiten. So bemerkte einst der französische Philosoph Jean-Paul Sartre: „Fussball wird durch die Anwesenheit einer gegnerischen Mannschaft erst kompliziert“, Man kann diesen Satz gut auf die Politik übertragen: Ohne Auseinandersetzung nach klaren Regeln funktioniert eine Demokratie genauso so wenig wie ein Fussballspiel. Dem Profifussball trauere ich deshalb nicht nach, fand ich doch in Bern ein neues Spielfeld - ohne das andere gänzlich aufgeben zu müssen: Ich bin stolzes Mitglied des FC Nationalrats, wo es ausser der tollen Kameradschaft nichts Schöneres gibt, als gegen den deutschen FC Bundestag zu gewinnen.
Meine Damen und Herren
Zwei Zugstunden liegt Schaffhausen von Bundesbern entfernt. Die besondere Grenzlage und die Kleinheit prägen. Mit einer gut 150 Kilometer langen Grenze zu Deutschland und einer gerade mal rund 30 Kilometer langen Grenze zur übrigen Schweiz sowie mit drei Kantonsteilen ist unser Kanton einmalig - so, wie wir Schaffhauser es sind. Das verbindende Element dieser drei Kantonsteile ist der Rhein. Doch dieser Grenzfluss trennt uns gleichzeitig von der Schweiz. Zum Glück gibt es nicht nur physische Brücken nach Süden, in die Schweiz. Wichtig sind für uns aber auch die Verbindungen nach Norden, Westen und Osten; alle führen nach Deutschland. Einer der drei grössten Grenzübergänge unseres Landes befindet sich in Thayngen. Er ist sozusagen das Grenztor zu unserem mit Abstand wichtigsten Markt und Handelspartner. Über Jahrzehnte/Jahrhunderte haben sich die Beziehungen zwischen Schaffhausen und dem grossen Nachbarn entwickeln können; die grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist stetig gewachsen, sie ist enger geworden und erstreckt sich inzwischen auf fast alle Gebiete, die für das Leben und Arbeiten in der Grenzregion bedeutsam sind - wie Umwelt, Verkehr oder Regional- und Stadtplanung. Das Hin und Her ist heute längst Normalität und fliesst ruhig wie das Wasser im Rhein – manchmal langsamer, manchmal schneller.
 
Meine Damen und Herren
Trotz seiner peripheren Lage und als Quasi-Enklave ist unser Kanton treues Mitglied der Eidgenossenschaft. Bedrängt durch den deutschen Zollverein, trat Schaffhausen für einen starken Bundesstaat mit einheitlichem Wirtschaftsraum ein. Der Kanton sandte sogar eine Truppe in den Sonderbundskrieg, um die Staatszersplitterung abzuwehren. General Dufour machte aus seiner „Mission impossible“ in einem Bürgerkrieg Geniales. Er verstand es, die Opferzahl zu beschränken und er sorgte dafür, dass die Verlierer nicht auch noch ihr Gesicht, ihre Würde verloren. Sonst wäre die Eidgenossenschaft nicht das, was sie heute ist und was Schaffhausen schon damals wollte. Denn rund 80 Prozent der Schaffhauser Bevölkerung unterstütze 1848 die Gründung des Bundesstaates, die Verfassungsänderungen von 1874 wurden gar mit eindrücklichen 97 Prozent angenommen. Wie ich schon am Montag nach meiner Wahl gesagt habe, bin ich ein auf Ausgleich bedachter Schweizer und Föderalist durch und durch. Und ich freue mich darauf, in diesem Jahr vermehrt die unterschiedlichen Regionen unseres Landes bereisen zu können. Jeder Kanton hat seine eigene Geschichte und diese Geschichte beeinflusst die Beziehungen zu den anderen Bundesstaat/Kanton. Es lohnt sich, sich für die anderen zu interessieren, um sie so besser zu verstehen, denn immerhin teilen wir mit ihnen das gleiche (eidgenössische) Schicksal.
Die Lebensqualität in unserem Land ist massgeblich geprägt durch die Vielfalt: Sie äussert sich in den vier Landessprachen und ihren vielen Dialekten, im Reichtum unterschiedlicher Kulturen und Traditionen, in der Vielfalt unserer ländlichen Siedlungen und der urbanen Gebieten. Daraus ergibt sich der Wettbewerb eigentlich schon fast von alleine – ein Wettbewerb, der in den Kantonen Kreativität, Innovationskraft und Lösungsansätze spriessen lässt. Um unsere Wirtschaftskraft voll entfalten zu können, brauchen wir deshalb in unserem kleinen Kanton keine vom Bund verfügten Einheitsdiktate, sondern gute Rahmenbedingungen, die für unseren exponierten Kanton die Grenzlage zur Chance werden lassen und nicht zu einem Hindernis. Unser föderaler Staatsaufbau mit dem Subsidiaritätsprinzip bietet Gewähr für massgeschneiderte Lösungen. Der Ständerat ist nicht nur prädestiniert, sondern geradezu verpflichtet, einen gesunden Föderalismus am Leben zu erhalten und zukunftsfähig weiterzuentwickeln.
 
Erlauben Sie mir, dass ich zum Schluss nochmals den Fussball bemühe. Wenn Sie im Bundeshaus in der Mitte der Kuppelhalle stehen und hochblicken, können Sie das Ordnungsprinzip unseres Staates lesen: Einer für alle, alle für einen (unus pro omnibus, omnibus pro uno). Ein Leitspruch, den sich auch Fussballer zu Herzen nehmen können: es braucht das Können jedes Einzelnen, aber gute Resultate erzielt man nur im Team. 
 
Nur wer geschlossen und engagiert auftritt, kann – wie gestern Basel gegen das übermächtige Chelsea – das maximale Leistungspotenzial abrufen. Das sollte auch vermehrt für die schweizerische Aussenpolitik gelten. Das gilt aber auch für Schaffhausen. In diesem Sinne danke ich Euch allen, wenn ihr mich als Euer Botschafter in Bern auch in Zukunft so grossartig unterstützt wie bis anhin – und vor allem wie heute. In diesem Sinne rufe ich Ihnen zu: Es lebe Schaffhausen, es lebe die Schweiz. Oder eben: Hopp Schaffuse – hopp Schwiiz!
Danke!