246 Kacheln für das Bundeshaus, realisiert anlässlich des 175-jährigen Jubiläums der Schweizerischen Bundesverfassung (1848).

Künstl​erische Gestaltung

Studio Renée Levi (Renée Levi und Marcel Schmid, Basel)

Realis​​ation

Swisskeramik AG, Sarnen

Carlo Bernasconi AG, Bern

Suter & Partner Architekten, Bern

246 Keramikplatten bilden im Giebelfeld der Nordfassade am Bundeshaus ein bewegliches Muster. Die Anzahl Kacheln steht für die 246 Mitglieder des Parlaments, das mit National- und Ständerat die Interessen der Schweizer Bevölkerung vertritt. Die Kacheln sind gerillt und glasiert, sodass sich ihr Raster je nach Lichteinfall zu immer wieder neuen Farbfeldern schliessen. Der Farbton der Glasur an der historischen Fassade versteht sich auch als Zusammenfassung: Der Architekt Hans Wilhelm Auer (1847-1906) hatte hohen Wert darauf gelegt, Stein aus allen Regionen der Schweiz ins Erscheinungsbild des Parlamentssitzes einzubringen. Das Bundeshaus sollte nicht nur Nutzbau sein, sondern Denkmal für die schweizerische Demokratie.

Architekturgeschichtlich ist der Dreiecksgiebel ein Versatzstück: Tempelbauten der Antike haben ihn den Göttern zugewiesen, an Gerichts- und Parlamentsgebäuden nahmen politische Amtsträger und ihre Symbole die erhabene Bühne über den Säulen ein. Seit der Einweihung des Bundeshauses im Jahr 1902 war das so genannte Tympanon in Bern trotz mehrerer Vorstösse zur künstlerischen Ausstattung leer. Jetzt deutet die Intervention des Studio Renée Levi die prominente Fläche neu: Das beiläufige Spiel der Reflexe, das mit der Bewegung von Passantinnen und Passanten auf dem Platz einsetzt, bringt die Öffentlichkeit in Bezug zum Gebäude und seiner Funktion. Das Bundeshaus spricht alle an, die in einer pluralen Gesellschaft bereit sind, aus ihrer individuellen Position heraus Strukturen von Macht und Modelle der Teilhabe zu verhandeln.

«Tilo» ging aus einem Wettbewerb hervor. Im Hinblick auf das 175-jährige Jubiläum der Bundesverfassung adressierte die Kunstkommission Parlamentsgebäude Künstlerinnen und Künstler mit der Aufgabe, dem Giebelfeld an der Nordseite des Bundeshauses ein Zeichen unserer Zeit mitzugeben. Die in handwerklichem Verfahren als Unikate hergestellten Kacheln brechen die strenge Symmetrie der Fassade. Sie zollen dem Denkmal des Bundeshauses Respekt, bilden einen optischen Resonanzraum aus und lassen auch in Bezug auf Diversität und Meinungsbildung unterschiedliche Deutungen zu.

Der Titel «Tilo» spielt an auf das Englische «tile» (Kachel) und damit auf das verwendete Material. Vor allem aber ist das Giebelfeld Tilo Frey (1923-2008) gewidmet. Die Neuenburger Politikerin war schweizerisch-kameruanischer Herkunft und eine der ersten, die nach Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen 1971 im Nationalrat Einsitz nahm. Die Erinnerung an eine Person of Colour legt vielschichtige Pointen offen: Migrantische Biografien sind auch in der Schweiz ein Regelfall, unterschiedliche ethnische, religiöse und sprachliche Minderheiten beanspruchen Teilhabe und Mitbestimmung. Dabei bleibt ein ausgeglichenes Wechselspiel zwischen Stabilität und Beweglichkeit ein Grundstein unserer Demokratie.

Film anlässlich der Eröffnungs-Zeremonie​


​Fotos: Rob Lewis


​Fotos​